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Adrian Ott ist Chief Artificial Intelligence Officer von EY Schweiz und Partner im Bereich Digital Forensik. Mit über 15 Jahren Erfahrung in digitaler Innovation, KI und datengetriebenen Untersuchungen zählt er zu den führenden Experten für den verantwortungsvollen Einsatz von Künstlicher Intelligenz in hochregulierten Umfeldern.

Er verbindet strategische AI-Kompetenz mit operativer Umsetzung – von der Entwicklung von AI-Strategien über Governance- und Risikofragen bis hin zur Integration von GenAI in sensible Bereiche wie Forensik, Cybersecurity und Investigation. Am AI Mountain Summit in Laax spricht er über «What are the Top 5 AI developments to look out for in 2026» und gibt damit eine hochrelevante Orientierung für Unternehmen, die KI strategisch nutzen wollen.

Dein Vortrag am AI Mountain Summit trägt den Titel «What are the Top 5 AI developments to look out for in 2026». Welche dieser Entwicklungen wird aktuell am meisten unterschätzt? Warum wird sie so oft falsch eingeordnet?

Adrian Ott: Bis vor kurzem galten Sprachmodelle als reine Textgeneratoren, die Muster nachahmen, aber nicht wirklich „denken“. Die neusten Modelle können inzwischen mehrstufige Probleme durcharbeiten, Zusammenhänge herstellen und vermehrt mit komplexeren Datenformaten wie Tabellen oder visuellen Informationen umgehen. Da diese Fortschritte oft im Hintergrund passieren und die Qualität für bestimmte Aufgaben von heute auf morgen sprunghaft zunehmen kann, werden sie in vielen Unternehmen schlicht nicht wahrgenommen. Deshalb sind kontinuierliche Schulungen für Mitarbeitende umso wichtiger, sonst bleibt die Nutzung auf dem Stand von gestern stehen, obwohl die Technologie längst weiter ist.

Welche AI-Entwicklung wird für Unternehmen am schnellsten vom «Nice-to-have» zum «Must-have», und warum?

Adrian Ott: Eines der grossen Themen sind agentenbasierte Systeme, die über einen längeren Zeitraum eigenständig an einer Problemstellung arbeiten und dafür bei Bedarf eigene Teams aus weiteren KI-Agenten zusammenstellen können. Der Durchbruch zeigt sich vor allem in der Softwareentwicklung und bei der Erstellung von Webseiten und Werkzeugen. Das sogenannte „Vibecoding“ wurde letztes Jahr noch oft belächelt, doch inzwischen können auch Nicht-Techniker selbständig erstaunlich gut funktionierende Prototypen von Software oder Webseiten erstellen, während Powerpoint Slides immer öfters ersetzt werden. Allerdings können solche agentenbasierten Systeme schnell sehr teuer werden – und ohne klare Leitplanken verursachen sie mehr Kosten, als sie einbringen.

Du bewegst dich an der Schnittstelle von Innovation, Regulierung und Risiko. Bei welchem KI-Trend wird sich besonders deutlich zeigen, welche Unternehmen Governance ernst nehmen und welche nicht?

Adrian Ott: Zum einen zeigt es sich bei der grundsätzlicher KI-Adoption innerhalb der Firma aber auch wie agil Unternehmen neue KI-Lösungen und Innovation umsetzen können. Dazu müssen viele Risiken bewältigt werden, weil sich generative KI-Modelle nach wie vor schwer kontrollieren lassen. Zu viel Kontrolle und umständliche Freigabeprozesse können genauso schädlich sein, wie wenn man Risiken ignoriert. Am Ende braucht es klare Verantwortlichkeiten und vor allem Fachleute, welche die Technologie verstehen und zwischen den verschiedenen Anspruchsgruppen vermitteln können, damit die richtigen Entscheidungen getroffen werden.

Viele Unternehmen nutzen KI heute primär für Effizienzgewinne. Welcher der kommenden Trends hat das Potenzial, Geschäftsmodelle wirklich grundlegend zu verändern?

Adrian Ott: Momentan erhalten grosse Sprachmodelle wie ChatGPT die meiste Aufmerksamkeit, aber KI erzielt auch in anderen Bereichen Durchbrüche. In der Pharmabranche etwa kann KI Wirkstoffe auf einzelne Personen zuschneiden und genetische Zusammenhänge entschlüsseln. Dadurch könnten Medikamente künftig nicht mehr für breite Patientengruppen entwickelt werden, sondern individuell – was das gesamte Geschäftsmodell der Branche umkrempeln würde. In der Robotik wiederum werden physische KI-Komponenten immer leistungsfähiger, was ganze Fertigungs- und Logistikketten verändern kann.

Du arbeitest bereits mit GenAI in forensischen Untersuchungen. Welche Entwicklung wird diesen Bereich in den nächsten Jahren am stärksten verändern?

Adrian Ott: Bei forensischen Untersuchungen im Bereich Wirtschaftskriminalität gilt es oft, riesige Datenmengen zu durchsuchen, um die relevanten Fakten zusammenzutragen. Heute arbeitet man häufig mit Stichwortsuchen und grossen Ermittlerteams, um der Datenflut Herr zu werden. KI schafft hier Abhilfe, weil grosse Sprachmodelle E-Mails und Dokumente automatisiert auswerten können und kontextuell zuverlässiger funktionieren als mit Stichworten nach beweisen zu suchen. In unseren eigenen Fällen konnten wir den Aufwand so um rund 80 Prozent reduzieren. Ergebnisse, für die früher ein vollständiger manueller Durchgang nötig war, liefert die KI in einem Fünftel der Zeit.

Wir sprechen viel darüber, was KI kann. Du gehst einen Schritt weiter: Wann wird es gefährlich, sich auf einen AI Agent zu verlassen?

Adrian Ott: KI-Agenten stecken grundsätzlich noch in den Kinderschuhen. Sie liefern manchmal hervorragende Arbeit und machen dann plötzlich Fehler, die für uns Menschen schwer nachvollziehbar sind. Ein Agent könnte beispielsweise eine Vertragsanalyse grösstenteils korrekt durchführen, aber eine entscheidende Klausel übersehen und das mit grosser Überzeugung präsentieren. Wenn dann noch KI-Agenten mehrstufig miteinander kommunizieren, können sich solche Fehler schnell exponentiell verschlimmern. Deshalb sollte man in agentenbasierten Systemen an allen kritischen Punkten eine menschliche Kontrollinstanz einbauen, vergleichbar mit der Aufsichtspflicht beim selbstfahrenden Auto.

Im Umfeld von Cybersecurity und Investigation: Wird KI das Kräfteverhältnis eher zugunsten der Angreifer oder der Verteidiger verschieben?

Adrian Ott: Das ist schwer einzuschätzen. Man muss davon ausgehen, dass Angreifer Schwachstellen schneller und gezielter ausnutzen und automatisiert Schaden anrichten können. Die Art der Angriffe ändert sich nicht unbedingt grundlegend, aber die Geschwindigkeit und die schiere Menge sind problematisch. Eine gute Grundhygiene in der Informationssicherheit ist deshalb unerlässlich und auch dabei kann KI helfen, Schwachstellen aufzudecken und zu schliessen. Derzeit befinden sich die leistungsstärksten Modelle noch in den Händen der Verteidiger, wobei frei verfügbare Modelle rasch aufholen und dieser Vorsprung nicht als selbstverständlich gelten darf.

Aus deiner Erfahrung: Was unterscheidet Unternehmen, die frühzeitig von diesen Entwicklungen profitieren, von jenen, die den Anschluss verlieren?

Adrian Ott: Verschiedene Umfragen haben gezeigt, dass die Haltung und das Vorleben durch die Geschäftsleitung einen grossen Einfluss auf den KI-Reifegrad eines Unternehmens haben. Dabei profitieren Firmen, die Neues zulassen und in gesundem Mass auch gewisse Risiken eingehen, damit intern die nötigen Kompetenzen und Technologien aufgebaut werden können. Selbst wenn nicht jedes KI-Projekt sofort zum Erfolg führt, entstehen so die Strukturen und Fähigkeiten, um agil auf die neusten Entwicklungen reagieren zu können.

Wenn du den Blick nach vorne richtest: Was sollten Führungskräfte heute konkret tun, um auf die wichtigsten AI-Entwicklungen vorbereitet zu sein?

Adrian Ott: Es gibt nichts Wirksameres, als sich als Führungskraft immer wieder Zeit zu nehmen, bestimmte Aufgaben mit KI zu erledigen und so aus eigener Erfahrung zu lernen – auch wenn es manchmal nicht so funktioniert wie erhofft. Laufende Schulungen sind wichtig, weil die KI-Technologie durch ein einziges Modell-Update über Nacht Fähigkeiten entwickeln kann, die wenige Wochen zuvor noch undenkbar waren. Und es braucht zumindest eine KI-Strategie oder eine sichere Umgebung, in der Mitarbeitende KI nutzen können – damit sie nicht aus Frust auf private Werkzeuge ausweichen und dabei versehentlich vertrauliche Daten aus der Firma tragen.